Episodes of a Gipsy Life – Camino de Santiago (a memory)

Jakobsweg, Spanien.

Mai 2012. Jo und ich schlagen heute eine alternative Route ein. Wir laufen rechts vom Fluss statt links, durch die Natur statt durch ewig gleiche Dörfer, die wir uns leid gesehen haben, Die Landschaft ist beeindruckend, sie erfüllt uns mit Ruhe. Wir reden viel miteinander und schweigen gemeinsam, jeder für sich. Wir gehen stetig weiter, zusammen und alleine. Wir bewegen und vorwärts, außen wie innen, niemals zurück.
Linker Hand tut sich uns eine Brücke auf. Sie führt zurück an das linke Flussufer und weiter zu einer Kirche. Diese steht im Wanderführer, scheint sehenswert, doch wir verzichten auf das Erlebnis und die Viertel Stunde Umweg. Statt dessen laufen wir weiter auf unserem Weg. Immer weiter, bis der Weg zum Feldweg wird und schließlich zu einem Feld, ohne Weg.
Wir begreifen, dass die Besichtigung der Kirche keinen Umweg bedeutet hätte, sondern unsere letzte Möglichkeit war, von der alternativen, endenden Route wieder auf den eigentlichen Camino zu gelangen.
Doch wir bleiben unserem Motto treu, das da lautet: nur voran, nicht zurück.
Als Pilger läuft man prinzipiell nur Richtung Westen. Erst wenn man in Santiago ankommt und die Front der Kathedrale anschaut, dreht man sich wieder nach Osten. Oder spätestens, wenn man Fisterra erreicht und nur noch das Meer vor einem liegt. Soweit sind wir jedoch noch nicht. Und deshalb drehen wir uns auch nicht um, sondern behalten unsere Richtung bei.
Über Stock und Stein, beziehungsweise über Hügel und durch Gräser geht es weiter. Wir folgen dem Nirgendwo in Richtung des nächsten Ortes auf der Karte. aber der Pfad wird immer unebener und es scheint kein Ende in Sicht. WIr verzweifeln nicht. Wir freuen uns an den lila Blumen, die uns den Weg bereiten. Und schließlich gibt es dann auch wieder etwas, dass sich als solcher bezeichnen lässt. Ein Weg. Ganz plötzlich taucht er am Horizont auf und führt auf eine Gabelung zu. Dort biegen wir nun endlich links ab.
Wir kommen in einen Ort namens San Mames. Hier werden wir uns stärken, um dann anschließend die zusätzlichen fünf Kilometer zum eigentlichen Tagesziel zu bewerkstelligen.
Begrüßt werden wir in San Mames erstmal von einem Esel. Ein schönes Tier, aber es scheint ohne Herren. Weiter geht es zu einer Kirche, die geschlossen ist, mehr noch, verbarrikadiert ist sie. Wir sehen uns um und bemerken, dass sämtliche Fenster verschlossen und mit Jalousien verdunkelt sind. Keine Tür steht offen. Auch auf dem Platz im Ortskern treffen wir keine Menschenseele. Ein Geisterort scheint dieser zu sein, in den wir so voller Hoffnung einschritten.
Wir beschließen, dennoch kurz Rast zu machen, unsere Vorräte in Augenschein zu nehmen und dann den kürzesten Weg über die Landstraße einzuschlagen. Denn unser Wasser neigt sich dem Ende zu.
Während wir da so auf der Betonmauer sitzen, biegt plötzlich ein Pick-Up von der Landstraße ab und kommt auf uns zu gefahren. Ich hätte nicht gedacht, dass mein müder Körper noch so schnell auf die geschwollenen Füße springen kann, doch schon stehe ich am Wagenfenster und frage auf Spanisch nach dem Weg, dem Zustand des Ortes und nach Wasser.
Menschen seine hier tatsächlich nur wenige, der Fahrer selbst habe hier nur ein Lager für seine Landwirtschaftsfahrzeuge. Die Landstraße sei nicht weit zu laufen und der freundliche Mensch gibt uns auch noch Wasser. Gekauftes in der Flasche wohlgemerkt. Und dann kommt er auch noch mit zwei Dosen Limo zurück. Dafür haben will er nichts. Buen Camino.
Der zieht sich dann allerdings doch noch etwas länger als erwartet.
Endlich erreichen wir dann aber Carrion de los Condes. Auf der falschen Seite kommen wir rein, sodass wir keinen gelben Pfeilen folgen können. Ohne diese scheinen wir als Pilger schon wieder verloren. Man gewöhnt sich schon ziemlich stark an diese kleinen leuchtenden Helfer auf dem Weg und steht deshalb ohne sie schonmal etwas dumm in der Gegend. Es soll sogar noch so weit kommen, dass ich auf die Frage “Wie finden wir das?” mit “Immer den gelben Pfeilen nach” antworte und das auch noch ernst meine. Jetzt allerdings steht mit einem Mal Jim vor uns, den wir schon seit Tagen nicht mehr gesehen haben, und führt uns in Richtung der Herbergen. Gut finden wir das.
Die meisten sind allerdings aufgrund unserer späteren Ankunft schon voll belegt, weshalb wir im Kloster Santa Maria landen. Dort werden wir liebevoll empfangen, zum gemeinsamen Abendessen, einer Messe und einem Begrüßungstreffen eingeladen. In umgekehrter Reihenfolgen sitzen wir also erstmal mit den anderen Pilgern und drei Nonnen im Eingangsbereich unsere Bleibe für heute Nacht und bekommen in einer “Jam-Session” mit Gitarre durch kirchliche Lieder über den Jakobsweg eine der schönsten und berührendsten Stimmen dieser Welt zu hören. Na gut, das mag vielleicht etwas übertrieben sein und an den Anstrengungen des Pilgerdaseins liegen. Doch so empfinde ich es in dem Moment. Nach einem solchen Tag an so einem Ort anzukommen wirkt wie ein Geschenk Gottes. Vielleicht lasse ich mich auf deswegen darauf ein, die Messe zu besuchen. Es ist eine besondere Messe auf dem Weg, in der noch einmal der Pilgersegen ausgeteilt wird. Dem ersten ganz am Anfang hatte ich mich desinteressiert entzogen. Jetzt nehme ich ihn dankend entgegen und freue mich über den handbemalten Papierstern, den die Nonnen selbst vorbereitet haben und uns nun überreichen. Er soll noch lange in meinem Portemonnaie bleiben.
Der Charme vergeht allerdings ein wenig, als am nächsten Morgen um viertel nach FÜNF lautstark Kirchenmusik aus einem Ghettoblaster ertönt und um halb sechs eiskalt das Licht angeschaltet wird. Willkommen zurück in der Realität des Pilgerns. Doch es tut dem bezaubernden Eindruck vom Vortag keinen Abbruch. Denn auch die magischen Heimeligkeiten gehören auf diesem Weg zur Realität. Letztlich nimmt man diese eben einfach nur anders wahr.

Das Pilgern lehrt einen, die wirklich wichtigen Dinge im Leben und man beginnt sich über Kleinigkeiten zu freuen, wie beispielsweise eine Raststätte am Wegesrand oder dem Flug sich paarender Schmetterlinge in dem hellsten Gelb, die einem wie ein Zeichen erscheinen und das Weitergehen kurz vor der Erschöpfung zur Leichtigkeit machen.
Sogar ich gehe  plötzlich in Kirchen und fühle mich dort zwar nicht Gott, aber zumindest mir selbst näher.

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